Freiherrn von Oppenheim

 
Bereits 1835 hatte ein Agent des Kölner Bankhauses Salomon Oppenheim mit dem Vormund des damals noch minderjährigen Hugo Philipp Waldbott von Bassenheim Verhandlungen über einen Kauf des Rittergutes aufgenommen. Auch 1861 beteiligte sich das Bankhaus an der Zwangsversteigerung, hatte aber erst 1873 Erfolg.

Der jüdische Bankier Salomon Oppenheim war 1798 von Bonn nach Köln übergesiedelt. In den 1830er Jahren traten seine beiden Söhne Simon und Abraham in das Bankhaus ein, das eine Vielzahl von Eisenbahngesellschaften und Versicherungen gründete und als Finanzier der rheinischen Schwerindustrie eine führende Rolle spielte. Auch für den Kölner Dombau hat die Familie viel getan, auf sie geht die Idee einer Dombaulotterie zurück, die die Fertigstellung des Jahrhundertwerkes sicherte. 1856 stiftete Abraham das Grundstück und übernahm die Kosten für den Bau einer neuen Synagoge für die rasch wachsende Kölner jüdische Gemeinde; Architekt war der Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner.

Simon Oppenheim wurde 1867 in Österreich der Titel eines Barons verliehen, Abraham 1868 als erster deutscher Jude in den Reichsfreiherrenstand erhoben. Zum gesellschaftlichen Aufstieg gehörte der Besitz eines Rittergutes. Simon erwarb Schloss Schlenderhan bei Köln und Abraham 1873 Bassenheim. Hier wurde das alte Schloss abgerissen und durch einen Neubau im Stil der „Deutschen Renaissance“ ersetzt; Architekt war der Kölner Stadtbaumeister Julius Raschdorff, der danach Dombaumeister in Berlin wurde. Raschdorff errichtete auch das „Freiherrlich von Oppenheim’sche Maschinenhaus“ am See im Park, das Rentamt und einige andere Gebäude. Weiter wurde 1899/1900 die Pfarrkirche in Bassenheim durch den Gelsenkirchener Architekten Lambert von Fisenne neu gebaut. Dies ermöglichten Zuwendungen von Fräulein Blanche Fouquet, der langjährigen Hausdame der Oppenheims, die ihr 400.000 Mark vermacht hat.

Abraham von Oppenheim starb bereits 1878, seine Frau Charlotte, die mit den Rothschilds verwandt war, folgte ihm 1887. Beide wurden in dem 1890 wohl von Julius Raschdorff entworfenen Mausoleum in Bassenheim begraben. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Charlotte ist durch großzügige Stiftungen hervorgetreten: 1880 schenkte sie der Stadt Köln 400.000 Mark, um zum Andenken an ihren Mann das erste Kinderkrankenhaus im Rheinland zu errichten. 1885 stiftete sie ein Krankenhaus in Bassenheim, das ebenfalls von katholischen Ordensschwestern geleitet wurde und das sie mit 300.000 Mark dotierte; in ihrem Testament stockte sie den Betrag um weitere 150.000 Mark auf. Zu dem Krankenhaus gehörten ein Kindergarten und eine Nähschule. Charlotte war mit Kaiserin Augusta befreundet, die häufig im Koblenzer Schloss residierte und regelmäßig Gast in Bassenheim war.

Erbin des Ritterguts war die aus einer Frankfurter Bankiersfamilie stammende Antonie von Springer, die die Oppenheims adoptiert hatten. Sie war die Tochter einer Schwester der Charlotte von Oppenheim und hatte 1869 Heinrich von Kusserow geheiratet, der wiederum ein Enkel der Schwester Abrahams von Oppenheim war. Heinrich war seit 1869 im auswärtigen Dienst tätig, in Den Haag und Turin, dann in Paris und Washington. Im Auswärtigen Amt war er bis 1890 einer der aktivsten Verfechter einer deutschen Kolonialpolitik. Danach verbrachte er seinen Lebensabend in Bassenheim, wo er 1900 starb. Seine Frau war bereits 1887 gestorben, Heinrich von Kusserow ehelichte 1890 die Witwe Fanny Bartning.

Erbin von Bassenheim war seine aus erster Ehe stammende, 1869 geborene Tochter Charlotte von Kusserow. Sie hatte 1895 den Grafen Friedrich Eckbrecht von Dürckheim-Montmartin geheiratet und zog zu ihm nach Steingaden im Allgäu. Den Sommer verbrachte die Familie in Bassenheim, wo sie Quellenhäuser und eine Hochdruckleitung bauen ließ; junge Damen aus gehobenen Kreisen erhielten hier eine Ausbildung in der Geflügelzucht und in der Schlossgärtnerei. Doch ihre Interessen verlagerten sich nach Steingaden, wo Charlotte das ererbte Vermögen nach dem Vorbild ihrer Großmutter zu karitativen Zwecken einsetzte: Ab 1897 kümmerte sie sich um die Ausstattung von Wöchnerinnen, eröffnete eine Ferienkolonie für unterernährte Stadtkinder, errichtete eine Suppenküche für Schulkinder und Wöchnerinnen und gründete 1909 ein Krankenhaus. 2013 wurde in Steingaden das Seniorenwohn- und Pflegeheim Haus Charlotte von Kusserow eröffnet, das ihren Namen bewahrt.
 

Prof. Dr. Schmid, Winningen