Freiherrn von Waldthausen

 

1910 verkaufte Charlotte Gräfin von Dürckheim-Montmartin das Rittergut in Bassenheim an den Freiherrn Julius von Waldthausen. Dieser stammt aus einem niedersächsischen Adelsgeschlecht, welches im 17. Jahrhundert von Hameln nach Essen übersiedelte und dem dort eine beachtliche Karriere in den Sektoren Textil-, Kohle- und Stahlindustrie sowie im Bankwesen gelang. Berühmter Vertreter und Stammvater der niedersächsischen Linie war der Braunschweig-Lüneburgische Kanzler Jobst von Waldthausen († 1592), der mit Martin Luther studierte und maßgeblich an der Einführung der Reformation im Fürstentum Calenberg-Göttingen (später Kurfürstentum Hannover) beteiligt war.

Julius Freiherr von Waldthausen wurde 1911 in Bassenheim von Pfarrer und Bürgermeister, Schulkindern und Vereinen als neuer Besitzer feierlich begrüßt. 1858 in Essen geboren, trat er nach einem Studium der Rechte 1885 in den diplomatischen Dienst ein. Zunächst war er Privatsekretär bei Herbert von Bismarck, dem Sohn des Reichskanzlers, der damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt war. Danach war Julius von Waldthausen in diplomatischer Mission und als Kaiserlicher Geschäftsträger in Madrid, Tanger, Tokio, St. Petersburg, Rom und Kalkutta tätig. Weitere Reisen führten ihn nach Australien, Afrika und Amerika. 1904 wurde er Botschafter in Buenos Aires, 1910 in Kopenhagen und 1912 in Bukarest. 1914 beendete er seinen Dienst und zog sich nach Bassenheim zurück, besaß aber auch eine Wohnung in Essen und eine an der berühmten Adresse am Pariser Platz Nr. 3 am Brandenburger Tor in Berlin. 1930 vertrat er das Reich bei der Krönung des Kaisers Haile Selassi in Äthiopien und 1933 bei einem Festakt zum 60-jährigen Jubiläum der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens in Tokio.

In Bassenheim hat er deutliche Spuren hinterlassen. In den Jahren 1914/17 nahm der Architekt Ernst Brandt, der in Trier das Haus der Handelskammer und bemerkenswerte Wohnhäuser errichtet hatte, einen durchgreifenden Umbau der Burg vor. Dabei stand er in engem Kontakt mit Paul Clemen, dem ersten Provinzialkonservator der Rheinprovinz, und war auch Mitglied in der Deutschen Burgenvereinigung.
Im Ersten Weltkrieg diente das leer stehende Schloss 1914/15 als Lazarett, das vom Arzt des Bassenheimer Krankenhauses betreut wurde. Der Freiherr ermöglichte durch eine Stiftung den Erwerb eines Lazarettzuges, den das Rote Kreuz betrieb. In Bassenheim errichtete er 1928 anlässlich seines 70. Geburtstages eine zunächst mit 20.000 Mark ausgestattete Stiftung für arme, kranke, kinderreiche und alte Bewohner der Gemeinde Bassenheim, die in Not geraten waren. In Essen erinnert die Julius-von-Waldthausen-Stiftung zur Förderung medizinischer Berufe an ihn.

Verheiratet war er mit Eleonore Böcking. Der 1912 geborene Sohn Helmuth trat 1935 die Nachfolge seines Vaters an; er fiel 1943 als Offizier in Russland. Von 1945 bis 1952 residierte in der Burg der französische General Hettier de Boislambert, der Gouverneur des Landes Rheinland-Pfalz. Zahlreiche bedeutende Politiker kamen in diesen Jahren nach Bassenheim, darunter 1948 Konrad Adenauer und Robert Schumann zu Gesprächen über die deutsch-französische Verständigung.

Helmuth Freiherr von Waldthausen war mit Renata von Nostitz-Wallwitz verheiratet, der Tochter des Diplomaten Alfred von Nostitz-Wallwitz. Ihre Mutter Helene, eine geborene von Hindenburg, war eine bekannte Schriftstellerin mit engen Kontakten zu Auguste Rodin, Rainer Maria Rilke und Gerhard Hauptmann. Nachdem ihre Tochter 1939 in Bassenheim geheiratet hatte, zog auch sie in die Burg, wo sie 1944 im Park beerdigt wurde; ebenso 1953 ihr Mann. Nach dem Tod des Vaters Helmuth fiel das Rittergut an die Tochter Eleonore Freiin von Waldthausen, die Hans-Karl von der Osten heiratete, welcher aus einem pommerschen uradligen Geschlecht stammt.

Nachfolger ist ihr Sohn Karl Freiherr von Waldthausen-Osten, der heute zusammen mit seiner Frau Stephanie den Besitz führt.


Prof. Dr. Schmid, Winningen